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  • 16.
  • April 2014
  • 19.30 Uhr
Eleonore Weisgerber

Eleonore Weisgerber las aus "Rheinsberg: Ein Bilderbuch für Verliebte" von Kurt Tucholsky

Die 1912 veröffentlichte Erzählung des jüdischen Literaten beschreibt einen Wochenendausflug der unverheirateten Protagonisten Claire und Wolfgang - eine Provokation in der damaligen Zeit.


"Eine besonders spitze Zunge"
Die Schauspielerin Eleonore Weisgerber las im Brandenburger Paulikloster Texte von "verbrannten Dichtern"

Bei der Auftaktveranstaltung zur Lesereihe unter dem Motto "Verbrannte Dichter" am 16. April um 19.30 Uhr rezitierte die Schauspielerin Eleonore Weisgerber deutsche Dichter, deren Werke der Bücherverbrennung der Nazis zum Opfer fielen. Im Interview mit der MAZ vom 10.04.2014 sprach sie über Tucholsky, jüdischen Witz und den Charme der Pariser Männer.

MAZ: Frau Weisgerber, Sie Windsurfen in ihrer Freizeit. Waren Sie schon mal mit Ihrem Surfbrett auf dem Beetzsee?

E.W.: Nein, leider nicht. Schade, dass wir die Lesung nicht im Sommer veranstalten.

MAZ: Dann haben Sie einen guten Grund, die Havelstadt wieder zu besuchen. Obwohl Brandenburg noch viel mehr zu bieten hat.

E.W.: Ich weiß. Ich war vor Jahren mal in Brandenburg und kann mich noch an die herrlich idyllische Landschaft erinnern. Ich habe damals ein Konzert des Opernsängers Jochen Kowalski im Dom besucht. Beim nächsten Mal würde ich gerne noch mehr von der Innenstadt sehen.

MAZ: Am 16. April werden Sie bei der Lesung "Verbrannte Dichter" im Paulikloster neben anderen Dichtern auch Kurt Tucholsky rezitieren. Was schätzen Sie an diesem Schriftsteller besonders?

E.W.: Kurt Tucholsky ist ein scharfsinniger und pointierter Dichter. Er hat Gedichte unter den Pseudonymen Peter Panter und Theobald Tiger geschrieben. Manche sind politisch, andere beschreiben die Gesellschaft. Ich würde bei der Lesung gerne einen Bogen spannen, zwischen amüsanten, kritischen und gefühlvollen Werken. Wahrscheinlich werde ich auch noch einiges von Bertolt Brecht, Erich Kästner und anderen rezitieren.

MAZ: Tucholsky spielt auch in Ihrem kreativen Schaffen eine große Rolle. Einige seiner Texte finden sich in Ihrem Bühnenprogramm "Aufstieg und Fall der Femme Fatale" wieder.

E.W.: Ja, Texte von Kurt Tucholsky, Friedrich Hollaender und ganz vielen anderen Künstlern mit jüdischer Herkunft.

MAZ: Ist das eine Herzensangelegenheit für Sie?

E.W.: Nur zum Teil. Meine Großmutter war Halbjüdin. Darum durfte meine Mutter während der Nazi-Zeit weder Abitur, noch eine Berufsausbildung machen. Allerdings sind die Lieder und Texte in meinem Bühnenprogramm das Ergebnis einer langen Recherche. Sucht man nach amüsanten, klugen Texten, die auch heute noch greifen, findet man diese meist bei Künstlern deutsch-jüdischer Herkunft. Die hatten durchweg eine besonders spitze Zunge und haben ihre Kritik klug verpackt.

MAZ: Etliche deutsch-jüdische Künstler sind nach den Bücherverbrennungen nach Paris geflüchtet und waren dort sehr produktiv. Sie haben ebenfalls eine Wohnung dort. Welche Bedeutung hat die Stadt für Sie?

E.W.: Ich mag Paris einfach sehr gerne, weil ich dort wahrnehme, dass es Männer und Frauen gibt. Egal, ob auf dem Markt oder im Café, von irgendwoher kommt immer ein witziger und charmanter Satz geflogen. Der Spaß daran, Frauen Komplimente zu machen, geht den deutschen Männern leider häufig ab. Zurück in Berlin fühle ich mich manchmal wie ein Neutrum.

Eleonore Weisgerber im Palikloster Brandenburg

MAZ: In Ihrem Beruf müssen Sie eigentlich immer in fremde Rollen schlüpfen. Sie drehen Kino- und Fernsehfilme, wirken in Hörspielen mit und stehen im Theater auf der Bühne. Fühlen Sie sich irgendwo besonders wohl?

E.W.: Diese Vielfalt ist ja gerade das Schöne an meinem Beruf. Jede Gattung erfordert bestimmte Fähigkeiten. Ich war zwölf Jahre in festen Theater-Engagements, habe eine zehnjährige Tanzausbildung, eine sechsjährige Gesangsausbildung. Ich bin natürlich sehr glücklich, wenn ich diese Fähigkeiten in verschiedenen Bereichen einsetzen kann.

MAZ: In welcher Rolle sieht man Sie denn in der nächsten Zeit?

E.W.: Ich spiele eine Hauptrolle in der Krimireihe Soko-Leipzig. Der Film heißt "Die Schwestern". In "Sternstunde ihres Lebens", ebenfalls ein Fernsehfilm, spiele ich eine Politikerin um 1945, die bei der Erstellung des Grundgesetzes mitgewirkt hat. Der Film handelt von der Schwierigkeit, den Satz "Männer und Frauen sind gleichberechtigt" in den Artikel 3 des Grundgesetzes aufzunehmen. Diese beiden Projekte sind bereits abgedreht.

Eleonore Weisgerber im Palikloster Brandenburg

MAZ: Und was haben Sie noch geplant?

E.W.: In nächster Zeit möchte ich mich mehr um meine Stiftung "In Balance" kümmern. 2007 habe ich die Stiftung zur Aufklärung der Bevölkerung über bipolare Störungen gegründet. Eine Manische Depression ist eine Stoffwechselerkrankung. Wird der Patient auf die richtigen Medikamente eingestellt, kann er ein ganz normales Leben führen. Viele der rund zwei Millionen Betroffenen und ihre Angehörigen in Deutschland wissen das allerdings nicht. Außerdem kämpfe ich mit meiner Stiftung gegen die Stigmatisierung dieser Erkrankung.

Interview: Sinah Hoffmann

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