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  • 26.
  • September 2015
  • 19:30 Uhr
Moritz Rinke

"Erinnerungen an die Gegenwart" - Lesung mit Moritz Rinke

Außenminister traf unterhaltsamen Moralisten: Moritz Rinke folgte der Einladung Frank-Walter Steinmeiers und das Publikum war gespannt auf die Gegenwart aus Sicht des Autors und des Politikers ...


Angela Merkels Liebesbriefe an Bastian Schweinsteiger
Moritz Rinke schreibt über jedermann und die Verdrängungsmechanismen des Alltags

Von Christine Lummert

Was denkt sich Angela Merkel eigentlich, wenn sie bei Fußball-Länderspielen auf der Tribüne sitzt? Vielleicht, dass die Mannschaft ein gutes Spiel machen soll, viele Tore schießt und dann als Sieger vom Platz geht, so wie die Millionen Zuschauer vor dem Fernsehschirm auch.

Der Autor Moritz Rinke hat die Zuhörer seiner Lesung in der Petrikapelle einen ganz anderen möglichen Gedankengang der Bundeskanzlerin aufgezeigt. Demnach hat sie nämlich nur Augen für einen – für Bastian Schweinsteiger. Wie die Liebesbriefe aussehen könnten, die sie ihm in einsamen Nächten schreibt, hat Rinke als Ghostwriter für ihre Gefühle zum Abschluss seiner Lesung vor 100 lachenden Zuhörern vorgetragen.

Zuvor las Rinke, der einer Einladung von Außenminister Frank Walter Steinmeier, dem Vorsitzenden der Brandenburger Kulturvereins gefolgt war, Ausschnitte aus seinem Bestseller „Erinnerungen an die Gegenwart“, dem er die These voranstellte, dass wir uns nicht dafür interessieren, was in der jüngsten Vergangenheit geschehen ist.

„Bei der Leipziger Buchmesse ist mir das bei einem Gespräch mit einem Literaturkritiker deutlich geworden, denn der regte sich auf, warum ich über Guttenberg, Wulff, Hoeneß, den NSU oder die Kachelmann-Affäre schreibe – das seien doch Themen von gestern.“

Wie dieser Prozess verläuft, sich an einem Tag beim Blick in die Zeitung noch fürchterlich über die Abschreibefreude von Theodor zu Guttenberg aufzuregen und diesen dann sofort wieder zu vergessen, weil dann Bundespräsident Wulff mit seinen Spesenrechnungen auf dem Titelblatt steht, hat Rinke an sich selbst entdeckt und mit ironischer Distanz aufgeschrieben, dass sich die Zuhörer in der Petrikapelle wiedererkannten.

Mit den neuen und vor allem schnelleren Medien hat sich dieses Aufregen und Zur-Seite-Schieben vielleicht heute noch beschleunigt, aber auch in seinen Jugendjahren am Tisch der Großeltern in Bremen hat Rinke die gleichen Mechanismen beobachtet. Nachdem Dioxin in Eiern festgestellt wurde, gab es plötzlich keine Nudeln mehr, auf das Kalbsschnitzel wurde verzichtet, als dort plötzlich Östrogen auftauchte und nach Schlagzeilen über Frostschutz im Wein verzichtete der Großvater auf seinen geliebten Roten. Standen aber nach zwei Wochen keine großen Überschriften in den Zeitungen, kamen die geliebten Schlemmereien wieder zurück auf den Tisch.

Der Tradition der Lesungen des Kulturvereins folgend, stellten sich Moritz Rinke und Gastgeber Steinmeier am Ende auch aktuellen Fragen des Publikums, in denen vor allem mit Bezug auf die gerade gelesenen Texte des Autors die Sorge geäußert wurde, dass die Situation in Syrien und die nach Deutschland gekommenen Flüchtlinge nicht so schnell aus dem Gedächtnis der Menschen verschwinden mögen.

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