Günter Grass in Mötzow 

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  • 27.
  • Januar 2017
  • 19:30 Uhr
Publizist Stefan Aust

Aust erinnert an Hitlers ersten Feind

Der Journalist Konrad Heiden berichtete von Anfang an kritisch über den Aufstieg Adolf Hitlers. Heute wäre „Hitlers erster Feind“ fast vergessen. Doch der Autor Stefan Aust hat ein Buch über Heiden geschrieben. In Mötzow stellte er es auf Einladung des Brandenburger Kulturvereins vor.


Stefan Aust las in Mötzow

Von Ann Brünink

Und wieder ist dem Brandenburger Kulturverein ein Coup gelungen. Am Freitagabend hat der Ex-Bundesaußenminister und Bundespräsident in spe, Frank Walter Steinmeier, den bekannten Autor und Journalisten Stefan Aust in Mötzow begrüßt. Im Lämmerstall, entschuldigte Steinmeier sich, aber so heiße der Veranstaltungsort auf dem Domstiftsgut nun einmal. 300 Menschen interessierten sich für die Lesung aus Austs Buch „Hitlers erster Feind. Der Kampf des Konrad Heiden.“ „Bisher habe ich mich über die Nazizeit gut informiert gefühlt, aber ich muss gestehen, den Namen Konrad Heiden habe ich vorher noch nie gehört“, sagte Steinmeier. „Das war bei mir ganz genauso“, meldete sich Stefan Aust zu Wort.

Konrad Heiden (1901-1966) war ein deutscher Journalist mit jüdischen Wurzeln, der Anfang der 1920er Jahre in München studierte. Von Anfang an berichtete Heiden kritisch für die Frankfurter Zeitung über Hitler und seinen Aufstieg. Es wurde seine Lebensaufgabe. Obwohl Heiden detailliert beschrieb, wie der Nationalsozialismus sich entwickelte und schon sehr bald prophezeite, dass es zu Massenmord kommen würde, ist er in Deutschland völlig in Vergessenheit geraten. Und das wäre vermutlich auch so geblieben, wenn Austs Kollege Michael Kloft ihm nicht die Originalausgabe von Heidens Hitlerbiografie geschenkt hätte, die 1936 in der Schweiz erschienen ist.

Zunächst habe das Buch bei ihm lange unbeachtet im Schrank gelegen, berichtet Aust. Als er irgendwann angefangen habe darin zu lesen, habe er es bis in die frühen Morgenstunden nicht aus der Hand legen können. Aust fand es überaus spannend und ist bis heute begeistert von Konrad Heidens journalistischer Leistung. Heiden habe nicht nur geschildert, was passiert, sondern auch warum es passiert. „Es ging ihm um die historische Situation, die den Aufstieg des Führers ermöglicht hatte“, so Aust Mit all seinen Artikeln und Büchern ermögliche Heiden eine Zeitreise der ganz besonderen Art.

Stefan Aust hat alle Artikel von Heiden aufgespürt. Zu den Hitlerreden steht Heidens Urteil von Anfang an fest: „Alles Unsinn, alles gelogen, und zwar so dumm gelogen (...), dass jeder, so meinte ich, das doch sofort einsehen müsse.“ Wirklich beunruhigend fand Heiden die Reaktion der Zuhörer: „Stattdessen saßen die Zuhörer wie gebannt, und manchem stand eine Seligkeit auf dem Gesicht geschrieben.“ Die habe nichts mit dem Inhalt der Rede zu tun gehabt. Sie habe vielmehr „das tiefe Wohlbehagen einer durch und durch umgewühlten und geschüttelten Seele widergespiegelt. Ich begann, bestürzt, etwas über Menschen zu lernen“, zitiert Aust Konrad Heiden.

Als die Unabhängigkeit der Presse in Deutschland immer stärker eingeschränkt wurde, ging Heiden zunächst in die Schweiz und dann in das unabhängige Saarland, das damals noch unter dem Schutz des Völkerbundes stand. Dort gründete er eine eigene Tageszeitung, die „Deutsche Freiheit“. Nachdem das Saarland sich 1935 für den Anschluss an Hitler-Deutschland entschieden hat, war Konrad Heiden auch dort nicht mehr sicher vor der Verfolgung durch die Gestapo. Er floh erst nach Paris, dann nach Lissabon und von dort weiter in die USA. Doch seinem Thema blieb er unbeirrt treu und publizierte überall, auch in den USA, über Hitler und die Nazis, wie beispielsweise 1944 das Buch „Der Führer“, das Thomas Mann im BBC-Radio rezensierte und das ein unglaublicher Erfolg wurde.

Totschweigen oder nicht? Bei der sehr lebhaften Diskussion mit dem Publikum nach der Lesung ging es um die Frage, wie man mit Bewegungen wie damals den Nazis und heute Pegida oder der AfD umgehen sollte. „Augstein hat gesagt, man muss darüber berichten was ist“, antwortet Stefan Aust. Er sei der Meinung, dass es insgesamt heute ein paar mehr Journalisten geben sollte wie Konrad Heiden einer war.

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